Fünf nach zwölf – Massentierhaltung und Antibiotika-Missbrauch, Bericht über die Veranstaltung mit Dr. Hermann Focke „Die Natur schlägt zurück“

Dr Focke in Wiefelstede

Herr Dr. Focke war bis zu seiner Pensionierung Leiter des Veterinäramtes im Landkreis Cloppenburg und damit in der Region mit der größten Tierdichte, hat in seiner aktiven Zeit Tiertransporte begleitet und damit einhergehende Missstände aufgedeckt und sich seit den 90er Jahren kritisch mit dem Antibiotika-Einsatz in der Nutztierhaltung auseinander gesetzt. Sein kenntnisreicher, engagierter Vortrag trug den Titel: „Die Natur schlägt zurück. Antibiotika-Missbrauch in der intensiven Nutztierhaltung und Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt“.

Obwohl Antibiotika als Leistungsförderer seit 2006 EU-weit verboten sind, verabreichen nach der Antibiotika-Studie des Landwirtschaftsministeriums alle Kälbermastbetriebe, 92 Prozent der Putenmastbetriebe, 77 Prozent der Schweinemastbetriebe und 83 Prozent der Hähnchen-mastbetriebe Antibiotika. Bei Hühnern werden in einer Mastperiode von 30 bis 35 Tagen bei fast einem Viertel der Betriebe sogar bis zu acht verschiedene Antibiotika eingesetzt.

Der massenhafte und falsche Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung gilt als wesentliche Ursache für das verstärkte Auftreten multiresistenter Keime, sogenannter MRSA- und ESBL-bildender Bakterien. Das Robert-Koch-Institut geht von 400.000 bis 600.000 Menschen aus, die jährlich mit multiresistenten Keimen infiziert werden; bis zu 15.000 Erkrankte sterben daran. Die Gesellschaft für Krankenhaushygiene spricht sogar von 40.000 bis 50.000 Toten pro Jahr.

Herr Dr. Focke ging in seinem Vortrag auch auf die vom Bundesministerium für Gesundheit, dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und dem Ministerium für Bildung und Forschung im November 2008 gemeinsam herausgegebene Broschüre zur Deutschen Antibiotika-Resistenz-Strategie ein. Dort heißt es im Vorwort u.a.: „In den vergangenen Jahren beobachten wir einen Anstieg an antimikrobiell-resistenten Infektionserregern sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin. Das macht die erfolgreiche Behandlung von Infektionen zunehmend schwierig.“

Das Problem ist also bekannt. „Aber“, so Dr. Focke, „das wissen wir nicht erst seit kurzem, sondern schon seit Jahrzehnten. Eine Verharmlosung ist hier nicht angebracht. Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sondern bereits weit nach zwölf.“ Er wies in seinem Vortrag darauf hin, dass z.B. das Penicillin 1928 von Dr. Fleming entdeckt wurde, 1940 Praxisreife erlangte und bereits 1943 die ersten Resistenzen nachgewiesen wurden. Herr Dr. Fleming mahnte deswegen in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Medizinnobelpreises 1945 einen sorgsamen und verantwortlichen Umgang mit dem Penicillin und ähnlich wirkenden Medikamenten an. „Irgendwann werden auch die letzten Antibiotika nicht mehr wirken“, ergänzte Dr. Focke. „Es besteht die Gefahr, dass das bereits unsere Kinder und Enkelkinder am eigenen Leib erfahren müssen. Es gibt keinen Erkenntnismangel, aber ein enormes Handlungsdefizit.“

Zum Schluss seines Vortrages führte Herr Dr. Focke aus, was getan werden kann, um die Gefahren des Antibiotika-Missbrauchs und der Massentierhaltung einzudämmen: „Zuerst müssen die Zuchtziele geändert werden. Wichtig sind neue, widerstandsfähige Zuchtlinien. Zusätzlich müssen artgerechte Haltungsbedingungen Standard werden. Und es muss sich durchsetzen, dass nur im Erkrankungsfall und nur nach sorgfältiger Diagnose Antibiotika verabreicht werden.“ Auch auf die Möglichkeit der Änderung der Kennzeichnungsverordnung wies Herr Dr. Focke hin. „Dadurch haben die VerbraucherInnen die Wahl. Das hat schon bei den Eiern wunderbar funktioniert.“

In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde deutlich, dass die Mehrheit der Gäste Verharmlosungen ablehnt und durchschaut. Es ging um die Gülleproblematik, die Verseuchung des Bodens und des Grundwassers und außerdem um die im Bau befindlichen neuen Hähnchenställe im Wiefelsteder Moor und das in etwa 1 km Entfernung geplante Baugebiet Hörne-West. Dieses Baugebiet wird von vielen kritisch gesehen, weil die zukünftige Keimbelastung durch die Hähnchenställe noch nicht abschließend festgestellt werden kann. „Eine seriöse Prüfung kann erst nach 3-4 Jahren Stallbetrieb erfolgen, da sich die Keime im Stallstaub, in Luft und Boden anreichern. Eine Gesundheitsgefährdung zukünftiger BewohnerInnen des Neubaugebietes ist daher nicht auszuschließen“, so Dr. Focke.

Abschließend sagte Dr. Focke: „Wir haben die Wahl zwischen Apokalypse und Frieden mit der Natur. Frieden mit der Natur bedeutet auch Frieden mit uns selbst.“

 
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